Medienlebensstile und Bourdieu’s feine Unterschiede: „Informationselite“ vs. „Unterhaltungsproletariat“

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In den letzten Jahrzehnten nahm der Einfluss durch neue Medien auf die Bevölkerung rasant zu. Mit der schnellen Revolution in den medialen Bereichen konnte man signifikante Unterschiede im Wissenserwerb durch Internet, TV und Printmedien verzeichnen. Anfangs glaubte man, damit die Wissenskluft der Menschen schließen zu können, aber diversen Studien zufolge hat sich die mediale Kluft erweitert.

Die zunehmende Medialisierung und die immer schneller und besser werdenden Technologien haben einen gesellschaftlichen Wandel mit sich gebracht; jeder möchte stetig das neueste und schnellste Produkt das auf dem Markt erhältlich ist. Der Markt spitzt sich rasant zu und wer den Anschluss verliert bleibt auf der Strecke.

Der nachfolgende Text beschäftigt sich mit den Theorien Pierre Bourdieu´s. Durch seine Thesen soll offengelegt werden, wo sich Unterschiede in der Gesellschaft befinden und anhand der bestehenden Feldstudien wird reflektiert, wie man diese ausgleichen könnte.

Definition:

Laut Bourdieu definiert sich eine soziale Klasse durch die Summe aller relevanten Merkmale und deren Struktur der Beziehungen, diese setzten sich zusammen aus sozialer- und ethnischer Herkunft, dem Einkommen, Ausbildungsniveau etc. (vgl. Bourdieu, S.182, 1987).

Er unterscheidet zwischen dem ökonomischen Kapital, wie Wohnung, Mobiliar, Kleidung, sowie allen materiellen Gütern, die man unmittelbar in Geld verwandeln kann. Dem kulturellem Kapital, dazu gehört das geerbte und das erworbene Kapital, sowie die Bildung. Einen weiteren Faktor stellt das soziale Kapital, die soziale Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Familie, Verwandte, Freunde), als potentielle Ressourcen auf die man zurückgreifen kann (vgl. Bourdieu, S.187, 1982).

Bourdieu beschreibt die Gemeinschaft als soziales Kapital. Im Internet werden zahlreiche Netzwerke und Communities zu einem wichtigen Faktor der sozialen Vernetzung, verschiedenste Gruppen und Individuen können sich treffen und ihre Beziehungen pflegen und erweitern, dadurch wird auch das soziale Kapital erweitert.

„Das ästhetische Urteil wird in Sozialisationsprozessen erlernt; die Schule dient dabei als wichtigste Institution, da hier die entsprechenden kulturellen Codes gelernt werden. Geschmack ist Ausdruck des Habitus, der Wahrnehmung, Denken und Handeln des einzelnen strukturiert. Ähnliche Bedingungen führen dabei zu ähnlichen Habitusformen, sodass sich ein Klassenhabitus ausbildet. Die unterschiedlichen Geschmacksurteile spiegeln somit die Struktur der Gesellschaft wieder“ (Neumann, S.13, 2007).

In Bezug auf kulturelle Güter schreibt Bourdieu von „Geschmack als »Fähigkeit, über ästhetische Qualitäten unmittelbar und intuitiv zu urteilen«, nicht zu trennen ist vom Geschmack als Fähigkeit zur Unterscheidung von jeweils spezifischer Geschmacksrichtungen von Speisen“ (Bourdieu, S.171, 1982). Geschmack beschreibt das individuelle Kulturgut der jeweiligen Klassen.

Für Bourdieu zählt aber nicht allein die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse, es geht auch um den individuellen Werdegang einer Person. Dieser ist sowohl vom sozialen Umfeld, vom Rückhalt, Beziehungen und von den Ausbildungschancen und den damit verbunden Titeln etc. abhängig, so kann geerbtes Kapital durch erworbenes Angeglichen werden. Diese Faktoren hängen sowohl von spezifischen Kräften, wie Trägheit oder Eigeninitiative ab, so wie auch von unvorhersehbaren Ereignissen, wie beispielsweise Kriegen, Krisen oder anderen individuellen Ereignissen (vgl. Bourdieu, S. 188, 1982). „Hieraus folgt, dass Position und individueller Lebenslauf statistisch keineswegs voneinander unabhängig sind, nicht alle Startpositionen mit derselben Wahrscheinlichkeit zu allen Endpositionen führen“ (Bourdieu, S. 189, 1982). Somit bleiben einem im Leben mit der richtigen Dosis Glück und den richtigen Beziehungen alle Möglichkeiten offen.

Digital Divide und Medienlebensstile

Bei der Minimierung der Wissenskluft, die seit der Erfindung des mobilen Breitbands und der damit verbundenen vielseitigen Möglichkeiten zum Kommunikations- und Wissenserwerb gibt, kann nicht auf Zufälle gehofft werden, denn hier geht es nicht um Einzelschicksale die ausgeglichen werden müssen. Es geht um fehlende Ressourcen und um die ungleiche Verteilung des globalen Netzwerks zwischen den sozialen Gruppen, die Zugang zum Internet haben und dieses auch effektiv Nutzen können, weil sie mit dem Umgang vertraut sind und den Gesellschaftsschichten und Nationen die keinen entsprechenden, oder gar keinen Zugang zum Internet haben, aufgrund von sozioökonomischen Faktoren (vgl. von de Pol, 2004).

Abgesehen von den demografischen Faktoren, stellt die fehlende Medienbildung einen weiteren Faktor zur Erweiterung der digitalen Kluft dar, welche eine sinnvolle und vielfältige Nutzung des Internets und die damit verbundenen neuen Chancen erst möglich machen. Hinzu kommt, dass der im Internet Angebotene Inhalt oft nicht für alle Individuen die selbe Fülle an Informationen bietet, deshalb ist es besonders wichtig, dass gerade gesellschaftlich benachteiligte Milieus die Option bekommen ihre Inhalte ins Netz zu stellen (vgl. von de Pol, 2004).

Eine Interessante Tatsache ist, das die Ingenieure des Internets eine anarchistische Gruppe waren, welche eine starke Abneigung gegen die Zensur und gegen jegliche Kontrolle der Kommunikationswege hatten (vgl. Löhnert, Carle, S.35, 1999).

Die Devise lautete damals „Wir glauben nicht an Könige, Präsidenten und politische Wahlen. Wir glauben an das Miteinander und den freien Datenfluß“ (Cailliau zitiert nach Löhnert, Carle, S.35, 1999). Ein schöner Grundgedanke, von dem sich das aktuelle www, durch starke Zensur, wie es sie beispielsweise in China gibt und drastischen Überwachungsmethoden schon sehr weit entfernt hat.

Christof Wachter und Matthias Jud arbeiten in ihren Kunstprojekten an Möglichkeiten die Zensur zu umgehen. http://net.picidae.net/

Television und andere mediale Vermittlungsprogramme

Zuviel Fernsehkonsum kann sich negativ auf die Lernleistung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auswirken und damit auch auf das soziologische und das kulturelle Kapital. Studien bestätigen, dass Kinder, die sich viele Unterhaltungsformate ansehen, einen auffallend niedrigeren Bücherkonsum haben als andere. Hingegen können Informationssendungen die Leselust sogar fördern. Vielseher vernachlässigen Freizeitaktivitäten, wie Sport, das Lesen oder das Knüpfen von sozialen Kontakten und es werden sogar Defizite in der eigenen Muttersprache festgestellt (vgl. Leben, S. 15, 2010).

Wie auch Bourdieu schreibt hat die kulturelle Praxis einen sozialisationsbedingten Charakter, so hat die Auswahl der Lektüre, der Musik oder einer bestimmten Lektüre primär mit dem Ausbildungsgrad und sekundär mit der sozialen Herkunft zu tun. Wer die visuellen Codes der Bilder im Museum lesen kann wird sich ungleich intensiver und interessierter mit den Motiven auseinander setzen (vgl. Bourdieu, S.18, 1982).

Problematisch wird die Mediennutzung an der Stelle, wo sich die rezipierten Orientierungsangebote direkt auf die aktuelle Lebenssituation zurückwirken und für die eigene Erlebenswelt als Relevant wahrgenommen werden, da die entsprechende Mediennutzung zur Bildung vom Welt- und Selbstbildnis beiträgt. Die weniger privilegierten Milieus nehmen die Botschaften des Unterhaltungsmilieus oft ungefiltert an (vgl. Kochanofsky, S. 14f., 2012).

„Sind die Perspektiven und Ansichten nun stark beschnitten, können nur ein ungenügendes Schema der Welt und eine leidliche Verortung der eigenen Person darin zutage treten“ (Kochanofsky, S. 15, 2012). Ein Teufelskreis der das Aufsteigen in ein sozial höheres Milieu erheblich erschwert. Deshalb ist es wichtig, dass man den jungen Generationen bereits in der Schule eine entsprechende Mediennutzung beibringt, die sie zur Auswahl und Selektion von Medien brauchen, um die Wissenskluft zwischen den unterschiedlichen Klassen zu verringern.

Quellen:

Pierre Bourdieu (1982). Die feinen Unterschiede.Kritik an der Gesellschaftlichen Urteilskraft. (Erste Auflage 1987) Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

Thomas Neumann (2007). Die Bedeutung des Geschmacks in Pierre Bourdieus Theorie soziokultureller Ungleichheit. Studienarbeit (1. Auflage 2007) GRIN Verlag

Katja Kochanowski (2012). „Die leben eigentlich das Leben, das ich haben will. Auch wenn’s bloß ein Film ist…“. Vorstellung eines komplexen Forschungsdesigns zur schichtspezifischen Fernsehnutzung und erste Ergebnisse. Typoskript. Download am 21.06.2012 von http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=27660&elem=2638492

Sebastian Leben (2012) Fernsehen macht dumm!: Wie sich Medienkonsum auf Sprache und schulische Leistungen auswirkt. Studienarbeit (1. Auflage 2007) GRIN Verlag

Löhnert Thobias, Carle Henriette (1999) Partizipation in der Informationsgesellschaft. Wiedersprüche, Chancen und Gefahren bei der Nutzung neuer Medientechnologien und der sich ergebenden neuen gesellschaftlichen Veränderungen im Hinblick auf die Partizipation.mediaculture online. Download am 21.06.2012 http://mo2.lmz.navdev.de/fileadmin/bibliothek/carle_loehnert_partizipation/carle_loehnert_partizipation.pdf

Robert van de Pol (Zürich 2004). Towards Cybersociety and „Vireal“ Social Relations. Der digitale Graben als Faktor des sozio-kulturellen Wandels? Online Publikation. Download am 23.06.2012 http://socio.ch/intcom/t_vandepol.htm

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2 Gedanken zu “Medienlebensstile und Bourdieu’s feine Unterschiede: „Informationselite“ vs. „Unterhaltungsproletariat“

  1. Ich bin auch der Meinung, dass die Wahl der Ausbildungsstätte, das soziale, das ökonomische etc. Kapital erheblich zum beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg beitragen, doch würde ich es nicht pauschalisieren. Denn Erziehung wirkt sich innerhalb einer Familie sehr unterschiedlich aus, genauso wie der Wissenserwerb in der Schule beispielsweise sehr different erfolgt. Manche Menschen schlagen von früh an einen bestimmten Weg ein, den sie unermüdlich, trotz sozialer oder finanzieller Widrigkeiten erfolgreich verfolgen. Meines Erachtens erleichtert ein soziales, ökonomisches bzw. finanzielles Kapital erheblich den Weg in eine bestimmte berufliche Zukunft, aber diese Grenzen sind nicht unüberwindbar. Viel mehr scheint mir, dass unsere Gesellschaft versucht, Menschen in Gesellschaftsklassen kategorisieren zu wollen und diese Unterschiede durch die Differenzierung von Bildungsinstitutionen erhalten zu wollen. Es ist wichtig, dass in der schulischen Laufbahn versucht wird, diese unterschiedlichen Bildungsniveaus soweit zu vereinheitlichen, sodass alle Menschen die gleichen Zugangsvoraussetzungen zu einem geistigen, intellektuellen Kapital vermittelt bekommen. Das betrifft genauso die zu vermittelnden Kompetenzen im Bezug auf das Internet, die eine digitale Wissenskluft zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten überbrücken sollen.

  2. Zum Begriff „Unterhaltungsproletariat“: in erster Linie sind damit ja Menschen gemeint, die Medien nicht zu „richtigen“ Bildungszwecken nutzen, weil ihnen erstens die nötige (Medien)Kompetenz fehlt und sie zweitens hauptsächlich Unterhaltung, Ablenkung und Zerstreuung suchen. Wenn man jetzt vom Schichten-Modell ausgeht und die Behauptung aufstellt, dass Unterhaltungsproletariat ein Phänomen der „Unterschicht“ ist, dann darf man es aber nicht dabei bleiben lassen, nur von „Unterhaltung“ zu sprechen. Wie im Blog-Beitrag auch angesprochen wird, haben Massenmedien (vor allem das TV) ja einen sehr dominanten Charakter was Meinungsbildung betrifft. Vor allem die visuellen Medien machen es möglich, so gut wie jeden Inhalt so zu inszenieren, dass das Endergebnis (also die Meinung/Ansicht/Weltbild/Wissen des Konsumenten) vorhersehbar oder beinahe schon programmierbar ist. Wenn man nun davon ausgeht, dass eine „Unterschicht“ hauptsächlich Unterhaltungsmedien konsumiere, weil alles andere für sie intellektuell unzugänglich sei, hieße das aber nicht, dass sie nicht dennoch „lernen“ würde. Wie im Beitrag auch zu lesen ist, scheint, je bildungsferner die Person/das Milieu ist, die Information „ungefilterter“ auf deren Selbst- und Weltbild einzuwirken. Somit hat z.B. die banalste Comedy-, oder Reality-TV-Show, oder ein Musikvideo auf MTV das Potential, ihren Betrachter zu „belehren“ und seine „Ideale/Werte zu formen“. An dieser Stelle traue ich mich aber zu behaupten, dass dieser Belehrungs-, oder geistige Formungs-Effekt der visuellen Massenmedien nicht nur die „Unterschicht“ betrifft, sondern auch alle anderen Schichten der Gesellschaft, nur dass sich eben die Inhalte und Symbol-Codes von Schicht zu Schicht ändern. Und da würde ich den Begriff „Unterhaltungsproletariat“ zu einem Phänomen erklären, dass nicht nur die Unterschicht, sondern sehr wohl auch „höhere“ Gruppen betrifft. Oberflächlichkeit und Illusion – beides Übel, die sich quer durch die gesamte Gesellschaft ziehen und mit denen auch die „gebildetsten Menschen“ arbeiten und im gleichem Maße ihnen zum Opfer fallen, stellen für mich persönlich eine fette Fortschrittsblockade dar und ich glaube auch, dass sie symptomatisch sind, bzw. Hand in Hand gehen mit dem Einfluss visueller Medien und ihrer Macht der Verfälschung und Inszenierung.

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