Post Privacy

Einleitung

Wir leben in einem digitalen Zeitalter, das von sozialen und beruflichen Netzwerken geprägt ist und in dem sich unsere Kommunikationsart, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unseren Umgang mit Politik und Medien sowie unser individueller Lebensstil einem Wandel unterzieht. Ohne eine direkte Einflussnahme wahrzunehmen verbringen viele Menschen ihr Leben wie bisher, mit dem einzigen Unterschied, dass sie eine oder mehrere Identitäten in online Netzwerken wie Facebook, LinkdIn, Xing oder anderen berufsspezifischen Plattformen oder Blogs pflegen.

Die Webpräsenz ist für viele Berufsbranchen nahezu unumgänglich geworden. Von der Kreativbranche über das Kleinunternehmen bis hin zu Großkonzernen, Webauftritte sind eine Prämisse um von Internetusern überhaupt wahrgenommen und gefunden zu werden. Um sich Informationen einzuholen, spüren manche Unternehmen online Profile von BewerberInnen auf digitalen Plattformen nach und zum Teil laufen Bewerbungen und Positionsausschreibungen ausschließlich über firmeneigene Plattformen, die den Download von persönlichen Daten und Dokumenten verlangen. Fraglich bleibt, ob diese Daten jemals wieder gelöscht werden und für welche Zwecke diese in weiterer Folge verwendet werden. Indirekt wird man dazu gezwungen, seine Daten im Internet zu veröffentlichen. Das hat im Gegensatz zum Postweg einen frappierenden Unterschied für den/die BewerberIn, da ein Zugang zu diesen persönlichen Daten nicht immer nur das Unternehmen inne hat. Wer die Fähigkeit besitzt technischen Sicherheitssystemen im Internet zu knacken, kann sich beispielsweise einfach in Computerkameras einhacken oder einen Zugriff auf private Daten herstellen. Nicht ohne Grund bauen Firmen, die sich auf die Sammlung, Analyse, Auswertung und den Verkauf von Daten spezialisiert haben, riesige Serverplantagen, die eine allgemeine Datenspeicherung optimieren soll. Warum solch ein Aufwand für ein paar unwichtige Urlaubsfotos, Spammails und flachen Chat-Konversationen gemacht wird, liegt noch im Unklaren, doch ist die Öffentlichkeit zumindest seit dem US Skandal darüber informiert, dass absolut alle Daten relevant sind, wenn es sich um einen kriminellen Verdacht handelt.

Und genau hier setzt dieser Artikels an: bei  der bewußten Veröffentlichung von persönlichen Daten im World Wide Web. Spezifischer formuliert bezieht sich der Inhalt dieses Artikels auf eine kulturpolitische Strömung, die einen eigenen visionären Zugang zur Wandlung unserer Privatsphäre formuliert.

Es handelt sich hier bei um die Post Privacy Bewegung (zu dt. “nach der Privatsphäre”), die sich aus einem Bedürfnis nach mehr Transparenz im World Wide Web emergiert hat und deren Vertreter einen freien und offenen Umgang mit Daten im Internet fordern. Wofür diese Bewegung steht, was ihre Philosophie ist und mögliche Nachteile sind, soll im folgenden Text behandelt werden. Doch bevor das Danach der Privatsphäre eruiert wird, soll auf den Begriff Privatsphäre ein genauerer Blick geworfen werden.

Privatsphäre – Definitionen

Im Grunde genommen gibt es keine eindeutige Definition von Privatsphäre. Denn was ist privat? Dazu können Informationen, Empfindungen, Momente, Räume, Gegenstände, etc. zählen und deren Gewicht wiegt bei jedem einzelnen unterschiedlich stark. Doch was allen ähnlich erscheint, ist, dass es stets eine individuelle Grenze gibt, die erst dann spürbar wird, wenn andere diese gegen den eigenen Willen übertreten. Diese Grenzen sind unterschiedlich und vor allem subjektiv erfassbar. Gerade weil dieser Begriff so viele unterschiedliche Bereiche und individuelle Befindlichkeiten umfasst, ist eine eindeutige Zuschreibung oft sehr komplex. Im folgenden sollen ausgewählte Definitionen kurz die Bedeutung von Privatsphäre greifbar machen.

Privatsphäre umfasst einen Bereich, der sich nicht in der Öffentlichkeit befindet, in dem ein Mensch individuelle Freiheiten und die Möglichkeit zur Persönlichkeitsentfaltung genießen kann. Jedem Menschen soll demnach ein Bereich zustehen, der in seiner eigenen Gestaltungskraft liegt und, der von anderen weder unerlaubt beobachtet, betreten noch beeinträchtigt werden darf. Dadurch kann sich jede Person frei bewegen, frei handeln und frei denken. Weiters fallen auch vertrauliche Aufzeichnungen, Emails, Telefonnachrichten, Telefonate und online Konversationen in diese Kategorie. Vervollständigt wird das Recht auf Privatsphäre “…durch das Recht auf Achtung des Privatlebens und Familienleben sowie durch den Schutz des Hausrechts und durch den Schutz des Briefgeheimnisses und Fernmeldegeheimnisses konkretisiert” (http://www.jus24.at/a/recht-auf-privatsphäre).

Eine der ersten Definitionen von Privatsphäre ist das “right to be let alone”, das im angelsächsichen Raum schon im Jahr 1890 durchgesetzt wurde. Dieses wurde schon damals aufgrund von als zu lästig empfundenen Photographien und Journalismus eingeführt, also war der Ursprung schon einen Medienbezug.

Beate Rössler, Professorin für Philosophie an der Universitaet von Amsterdam, gliedert den Begriff in 3 unterschiedliche Kategorien, die sie der Frage nach der Zugangskontrolle unterscheidet, nämlich die lokale, informationelle und dezisionale Privatheit. Unter der lokalen Privatheit versteht man den Zugang zu Orten, die einen Rückzug von der Öffentlichkeit ermöglichen. Die informationelle Privatheit umfasst den Zugang zu Informationen von Personen und die dezisionale Privatheit betrifft den Schutz vor der Einflußnahme anderer auf unsere Entscheidungen und das Misprache, Einspruchs- und Eingriffsrecht (vgl. C. STAUDT, 2009).

Eine weitere Definition von Privatsphäre stammt von dem Rechtsprofessor Alan Furman Westin, der an der Columbia University arbeitete und folgendes Zitat formulierte:

“Privacy is an individual‘s right to “control, edit, manage, and delete information about them[selves] and decide when, how, and to what extent information is communicated to others” (http://www.tutorgigpedia.com/ed/Alan_Westin).

Diese unterschiedlichen Aspekte der Privatsphäre sollen die BürgerInnen zur eigenständigen Kontrolle über den physischen und psychischen Raumen befähigen und diesen “Raum” durch gesetzlich statuierte Regelungen schützen. Dass sich persönliche und staatliche Kontrolle auf den digitalen Raum ausweiten soll und durch ein Gesetzt wie beispielsweise das deutsche Datenschutzgesetz ausgeführt werden soll, dagegen sträuben sich die Vertreter der Post Privacy.

Datenschutz vs. Post Privacy

Im deutschen Datenschutzgesetz sehen Post Privacy Vertreter eine schwerwiegende Bedrohung für die Freiheit im Internet.Jenes Gesetz könnte in Zukunft die demokratische Besonderheit des Internets – nämlich die eines kaum zensurierten, dezentralistisch funktionierenden Systems – gefährden, in dem es fortan von einer staatlichen Instanz kontrolliert und in ein zentralistisch organisiertes System sukzessive umgewandelt wird.

Aufgrund der jüngsten Anschuldigungen der Datenspionage des amerikanischen Geheimdienstes, denen Daten von Großkonzernen wie Google, Microsoft, Apple, etc. und europäischen Institutionen zur Überwachung amerikanischer sowie europäischer BürgerInnen zur Verfügung gestellt wurden, um terroristische Anschläge zu verhindern, stellt sich die Frage, ob in einer digitalen Welt sich so etwas wie Privatsphäre noch bewerkstelligen lässt. (Link: http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/1419131/Wo-das-Internet-gespeichert-ist)

Nein, meinen die Vertreter der Post-Privacy These und erklären die Privatsphäre für ein anachronistisches Konzept: “Informationelle Privatsphäre, also die Kontrolle darüber, was die Welt über mein Leben wissen kann, ist immer schwerer aufrechtzuerhalten. Vor allem in Anbetracht von Digitalisierung und globaler Vernetzung.”
(E. ZELECHOWSKI, 2012)

Christian Heller stammt selbst aus der Hackerszene und postuliert in seinem Buch Post Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre, dass es im Internet keine Privatsphäre gibt, dass Internetuser diese Entwicklung aber nur verlangsamen, nicht aufhalten können, und sie daher einen offenen und transparenten Umgang mit Informationen im Netz als eine Art Selbstkontrollmechanismus pflegen sollen. Er plädiert für Transparenz um die Kontrolle über die Selbstpublikation und Selbstdarstellung im Netz zu bewahren. Im Gegensatzu dazu steht der Datenschutz für eine “Fesselung” von Daten und könnte einen möglichst freien Umgang im Netz stark beeinträchtigen (vgl. E. ZELECHOWSKI, 2012).

Diese Entwicklung könnte soweit führen, dass Geheimnisse aus unserer Gesellschaft verbannt werden. Denn wenn alle Menschen zu ihren Taten stehen und sich niemand mehr hinter Anonymität verbergen muss, könnte sich eine Gesellschaft ohne das Bedüfnis nach Betrügereien, Tabus und Diskriminierungen bilden, so Julia Schramm, studierte Politikwissenschaftlerin, Piratenparteimitglied und Gründungsmitglied der datenschutzkritischen Spakeria. Spakeria vertritt die Interessen der Post Privacy Bewegung und möchte wie Heller verhindern, dass der Staat sich an der Regulierung des Internets beteiligt. Die Nutzer müssen sich über die Speicherung ihrer Daten und den Verkauf ihrer Informationen an Drittfirmen bewusst werden. Im Grunde genommen meint Julia Schramm, dass man sich damit abfinden muss, dass unsere Ip-Adressen und unsere Daten im Internet gesammelt werden und man sich diesen Techniken kaum entziehen kann. Die User müssen informiert werden, wo die Gefahren im world wide web stecken und, dass sie überall eine Spur hinterlassen. Durch die Veröffentlichung von eigenen Information in sozialen Netzwerken kann man auch durch neue Kontakte, den Informationsaustausch und Diskussionsanregungen, und Eigenwerbung profitieren, aber man zahlt für diese Möglichkeit eben mit den persönlichen Informationen, die man über sich und andere publiziert (vgl. O. REISSMANN, 2011).

Ein Foto, das einmal gepostet wurde, ist nicht mehr so schnell wieder aus dem Netz zu löschen. Denn alles, was im Internet publiziert wird, ist wohl für immer abrufbar. Für Medienpädagogen stellt dies eine neue Herausforderung im Umgang mit Jugendlichen dar, da sich durch die Nutzung des Internets auch neue Formen des Mobbings entwickelt haben. Dazu zählt das sogenannte Sexting, eine Art des Mobbings, in der intime Fotos von SchülerInnen, die eigentlich einer einzigigen vertrauten Person anvertraut werden, vervielfältigt und im Netz veröffentlicht werden. Solch ein Fotos aus den digitalen Verkehr zu ziehen, ist wohl fast unmöglich (vgl. D. SACERIC, 2013).

Die Industrie und Wirtschaft investieren gigantische Summen in die Errichtung von Serveranlagen. Die technischen Möglichkeiten wachsen und Computer wie Datenspeicher werden immer leistungsfähiger, umfangreicher und günstiger. Neuesten Informationen über eine Serveranlage in Utah, USA beunruhigen und bestätigen diese Entwicklung. (Link: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/bluffdale-das-datensammel-zentrum-der-nsa-a-904355.html)

Wir aber sind es, die die Verantwortung über unsere eigenen Infomationen ablegen und freiwillig auf diversen Internetplattformen publizieren und diesen Trend unterstützen. Verblüffend ist, dass wir selbst keine aktiven Nutzer zB.: von Facebook, mehr sein müssen, um etwas über uns preis zu geben. Es bedarf lediglich andern aktiven Nutzern, durch die ein relativ genauer Umriss über unser Sozialverhalten und unser berufliche Entwicklung gezogen werden kann.

Facebook alleine zählt schon ungefähr 800 Millionen Mitglieder. Viele online User stellen freiwillig Informationen über sich ohne Rücksicht auf Datenspeicherung und spätere berufliche und/oder private Konsequenzen zu nehmen ins Internet. Dieses Phänomen der digitalen Selbstdarstellung lässt darauf schließen, dass wie Marc Zuckermann sagt Privatsphäre für die Allgemeinheit keine soziale Norm mehr darstellt (vgl. B. Johnson, 2010).

In Zusammenhang mit Online Konzernen stellen jedoch die Post Privacy Anhänger die Forderung, dass die unverhältnismäßige Verteilung von Informationen begradigt werden muss und das Wissen über die Allgemeinheit von Konzernen wie Facebook und Google symetrisch auf alle Menschen übertragen werden soll.

Kritik

Die Idealvorstellung und Utopie der Strömung ist, dass es eine Gesellschaft nicht mehr nötig hat, Geheimnisse zu haben. Jeder weiß alles über den anderen. Es gibt keine Geheimnisse und keine Diskriminierung mehr. Bedenklich ist jedoch, dass manche Fragen im Bezug auf die Post Privacy Bewegung zumindest in Christian Hellers Literatur außer Acht gelassen werden. Stefan Schulz kritisiert an diesem Buch, das die Thematik des Privatsphäreverlusts zu wenig objektiv behandelt wurde und mehr als Ideologie als Utopie formuliert wird. Fragen, wie quantitatives Rechnen qualitatives Denken ersetzten soll, und, ob Algorithmen wirklich im Stande sind die Komplexität unserer Welt durch Datenmengen zu erfassen, bleiben unbeanwortet. Ist die digitale Welt besser als die, in der wir uns aufhalten, gerade weil sie uns grenzenlos Informationen zur Verfügung stellt, die unsere eigene Kapazitäten überschreiten. Ist die digitale Welt nicht gerade wegen der scheinbaren Anonymität so grenzenlos und tabulos, denn die meisten User sind sich nicht dessen bewußt, dass sie auf allen Seiten eine Spur hinterlassen? Ist es nicht schöner eine Beziehung langsam aufzubauen, ein Vertrauen herzustellen und einen Menschen langsam kennen zu lernen, anstatt eine Datensammlung dieser Person zu begutachten und zu analysieren? Soll eine grenzenlose Welt unser Fortschreiten ohne Hindernisse ermöglichen? Was lernen wir dann noch, wenn wir nichts mehr zu wissen brauchen, außer wie wo sich dieses befindet? (vgl. S. SCHULZ, 2012)

Ob Datenschutz oder Post Privacy, welches das geringere Übel ist, dessen ist man sich noch nicht ganz bewußt. Einer Bewegung, die totale Transparenz von Informationen im Netz anstrebt, erregt ein persönliches Unbehagen. Andernfalls ist wohl ein Datenschutz, der von einer staatlichen Institution oder einigen wenigen Unternehmen kontrolliert wird, ebenso bedenklich. Was wenn der/die Falsche an der Regierung sitzt, sich diesen persönlichen Daten zur Verfolgung von kritisch denkenden BürgerInnen einfach bedient und dadurch jeden Unmut in der Bevölkerung zu Nichte machen will? Die Türkei ist im Moment wohl das beste Beispiel dafür, wie schnell sich das Gesicht einer angeblichen Demokratie mit Demonstrationsrecht ändern kann. Zahlreiche Berichte über das brutales Vorgehen der Polizei gegen friedliche Demonstranten zeigen uns, auf welch wackeligen Pfeilern unsere demokratischen Rechte stehen. Noch erweist das Internet, das viele Schlupflöcher gegen die zentralistische Zensur bietet, einen Hilferuf und einen weltweiten Informationsdienst, der nicht vom Staat verhindert werden kann, sondern noch in den Händern von online AktivistenInnen, BlogerInnen und anderen Internetusern liegt. Diese Menschen beweisen, wie stark ein dezentralistisch organisiertes Netz funktionieren kann. Damit dieses System nicht aus den Händen der Demokratie in die des Staates gerät, müssen wir Verantwortung für die freie Nutzung übernehmen und uns gegen zu starker Kontrolle wehren.

Mit diesem Satz möchte ich den Artikel beenden. Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und Kritiken.

Literaturliste:

Bobbie Johnson (2010). Privacy no longer a social norm, says Facebook founder. Download am 14.06.2013 von http://www.guardian.co.uk/technology/2010/jan/11/facebook-privacy

Christian Staudt (2009). Privatheit und informationelle Selbstbestimmung. Download am 16.06.2013 von
http://www.academia.edu/258073/Privatheit_und_informationelle_Selbstbestimmung

Daniela Saceric (2013). Sexting: Mobbing ändert sein Gesich. Download am 15.06.2013 von
http://diepresse.com/home/bildung/schule/1417520/Sexting_Mobbing-aendert-sein-Gesicht

Eva Zelechowski (2012). Post Privacy Adieu Privatsphäre. Download am 16.06.2013 von
http://derstandard.at/1325485653364/Post-Privacy-Adieu-Privatsphaere—Goodbye-verstaubter-Datenschutz

Ole Reissmann (2011). Spakeria. Download am 16.06.2013 von
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/internet-exhibitionisten-spackeria-privatsphaere-ist-sowas-von-eighties-a-749831.html)

Stefan Schulz (2012). Die Facebook-Ideologie #postprivacy. Download am 14.06.2013 von
http://sozialtheoristen.de/2012/05/18/die-facebook-ideologie-postprivacy/

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