Neue Arbeit Neue Kultur

Die Welt, in der wir leben wollen

Ich will nicht in einer Welt ohne Utopien leben.

Was ist geblieben von den großen Ideen, die einst die ganze Welt durchzuckt haben. Ideen, die den Fortschritt der Menschheit in den Dienst ebenjener zu stellen suchten. Sie scheinen überwunden. Marx‘ Gespenst hat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endgültig ausgegeistert – zumindest in Europa, die Kommunenführer der 68er Bewegung sind tot oder rechtskräftig verurteilt. Religionsgemeinschaften legitimieren sich nicht mehr aus einem sozial relevanten Anspruch heraus, sondern rein aus ihrem Selbstzweck. Die Friedens- und die Ökobewegung erschein domestiziert, die Piraten haben sich selbst zerbröselt und Occupy-Aktivisten werden zunehmend instrumentalisiert, um dem einen oder anderen Kulturevent (wie beispielsweise der documenta) einen etwas revolutionären Touch zu verleihen.

Ich will nicht in einer Welt ohne Visionäre leben.

Ist es ein Zeichen der Zeit, dass sowohl einem österreichischen als auch einem deutschen sozialdemokratischen Bundeskanzler jene Aussage zugeschrieben wird, wonach Menschen mit Visionen besser zum Arzt gehen sollen? Oder kann diese Aussage,  wenngleich sie im nach hinein gern relativiert wurde (vgl. http://de.wikiquote.org/wiki/Helmut_Schmidt), doch als ein Signal gesehen werden, das den Beginn dessen eingeläutet hat, was neuerdings als Postdemokratie bezeichnet wird? Entscheidungen werden nicht mehr von den Menschen getroffen, sondern durch die Realpolitik erzwungen und im weiteren Sinn durch die wirtschaftliche Notwendigkeit legitimiert.

Mehr denn je wissen wir heute angesichts der ewigen Krisenmeldungen, dass unser derzeitiger Kurs auf Dauer weder dem Großteil der Menschen gut tut, noch für den Planeten auf Dauer gesund ist.

„Wir sind nicht in einer Krise“

… meint hingegen Frithjof Bergmann. Krisen sind Zustände, die vorübergehen und nach denen wir wieder in die Vergangenheit zurückkehren. Wir befinden uns jedoch „[…] in den Anfangsstadien einer sich rasend weiterentwickelnden Dynamik, die mit einem siebenköpfigen auf uns zukommenden Ungeheuer – oder auch mit sieben auf uns zurauschenden Tsunamis – vergleichbar ist.“ (Bergmann, 2010, S. 110)

Frithjof Bergmann, US-amerikanische Philosoph österreichischer Herkunft, beschäftigt sich schon seit seiner Jugend mit der „Welt, in der wir leben wollen“, vor allem mit Fragen der Zukunft der Arbeit – denn was bestimmt die Gestaltung unseres Lebensstil und unserer Lebensweise mehr als der „Broterwerb“, der einen Großteil unserer Zeit und Energie verschlingt, an dem die Menschen – nach Bergmann leiden, wie an deiner „milden Krankheit“.  „Neue Arbeit“ hingegen versteht er als Tätigkeit, die Menschen kräftigt, von der sie keinen Urlaub brauchen. ( vgl. Fillitz, 2010)

Vorausgeschickt sei, dass Neue-Arbeit-Neue-Kultur (NANK) nicht ein Versuch sein kann, weiter am Alten flicken, sondern sie baut darauf, etwas völlig neues zu entwickeln: eine neue Ökonomie, eine neues Arbeitssystem und eine neue Kultur. Und diese Entwicklung braucht es nach Bergmann, um die auf uns zukommenden Kalamitäten (die finanzielle, die wirtschaftliche, die der Umwelt, die der Ressourcen, die des Klimas und die des kommenden Guerillakriegs der Enteigneten gegen die Schmarotzer und nicht zuletzt die des Aufopferns unserer Kultur) nicht nur zu verlangsamen, sondern sie von einem Absturz in einen Aufstieg zu verwandeln. (vgl. Bergmann, 2010, S. 110)

„Sex muss schon sehr gut sein, um den Vergleich mit Neuer Arbeit auszuhalten.“ ( Fillitz, 2010)

Anstatt problematischer Arbeitsformen auszuüben sollen Menschen zehn Stunden pro Woche an der „autark machenden Produktion“ beteiligt sein. Weitere zehn Stunden sollen sie in einem der neuen Unternehmen arbeiten, die sich neuen Technologien von zunutze machen und die industriellen Technologien der Vergangenheit ablösen. Und drittens werden sie sich der wirklich Neuen Arbeit widmen, die sie zuinnerst und ernsthaft tun wollen. Einer Arbeit, die den Menschen die Kraft, den Sinn und die Überzeugung von einem wirklich gelebten Leben verleiht. (vgl. Bergmann, 2010, S. 110, 111)

Voraussetzungen für die Machbarkeit dieses Arbeitsmodells ist eine neue Ökonomie, die nicht mehr als industrielle Produktion einer Gesamtwirtschaft gesehen wird sondern in kleinen lokalen und vor allem autarken Produktionseinheiten, in denen Lebensmittel, Unterkünfte und Energie ebenso wie Hausrat und Kleidung hergestellt wird und was darüber hinaus für ein angenehmes, modernes und erfülltes Leben erforderlich ist. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der intelligente und fantasievolle Gebrauch innovativer Technologien. (vgl. Bergmann, 2010, S. 110, 111)

Mit seinen Ideen und Anschauungen erntet Bergmann viel Begeisterung und füllt so manchen Saal. Hunderte Menschen sind durch dieses Begeisterungserlebnis durchgegangen, haben zunächst auch herzlich mitgelacht und mitgedacht beim Nachweis, dass in Wirklichkeit schon längst niemand mehr an die Beschäftigung und die Arbeitsplätze glaubt, die angeblich ständig durch jede Menge Entlassungen gesichert werden müssen. (vgl. Nahrada, 2008)

Die Krise hinter der Krise

Dennoch gibt es auch kritische Stimmen, und die kommen – wie so oft – aus den Reihen seiner engsten Anhänger, wie Franz Nadahra, der in Wien im Rahmen verschiedener Veranstaltungen versuchte die Bergmannschen Ideen unter das Volk zu bringen. Mit geringem Erfolg – wie er in seiner kritischen Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann festhält.  Für uns Europäer muten vertikale Gärten seltsam an und das Dorf, das Frithjof vorschlägt, mit dem aufgeblasenen Betondom als Werkstätten- und Kulturzentrum, das verlagern wir im Geist und in der Realität nach Afrika.

Bleibt noch die Hoffnung auf den Fabrikator, die Universalmaschine mit der es möglich ist, alleine Gütern zu produzieren, die dann möglicherweise noch langlebig, haltbar, nachhaltig, sinnvoll, aufregend, bunt und individuell sein sollen. Wer entdeckt, dass der Einsatz solcher Fabrikatoren auf wenige und möglicherweise problematische Materialien beschränkt ist, dass sie langsam und immer noch teuer sind, der reagiert dann mit Enttäuschung. (vgl. Nahrada, 2008)

Indsofern resümiert er, dass die Neue Arbeit ohne radikale gesellschaftliche Veränderungen nicht umzusetzen sei. „Wir können nicht so tun, als wäre die Wirtschaft in der Lage, das Abschmelzen der Arbeitskraft als zentraler Quelle der Verwertung des Wertes ohne schwerwiegende Deformationen und Dysfunktionalitäten zu überstehen. Frithjof spricht von der “Krise hinter der Krise”, und doch wird selten thematisiert, was es bedeutet, wenn konkurrierende Kapitale in der Investition in physische Produktion keinerlei Wachstumschance mehr sehen.“ (Nahrada, 2008)

OTELO – der österreichische Weg

Vielleicht ist Wien auch nicht das Richtige Pflaster für Ideen, die stark auf ein dezentrales Gesellschaftsmodell bauen. Wesentlich pragmatischer gehen die oberösterreichischen OTELOs an die Sache mit der neuen Arbeit heran – etwas langsamer, fast subversiv versuchen sie vorwiegend die Theorie der Bergmannsche Philosophie aufzugreifen, um diese auf ihre eigene beschaulichere Weise Stück für Stück umzusetzen. OTELO steht für „Offenes Technologie Labor“ und Martin Hollinetz, der Initiator dieser sechs mittlerweile in ganz Oberösterreich verstreuten Einrichtungen, beschreibt diese als Orte, an denen Menschen – vorwiegend Jugendliche – Raum finden ihre eigenen Visionen und Ideen umzusetzen.

Auf der Website von OTELO heißt es,  dass großer Wert darauf gelegt wird, sich mit den Themenbereichen – beispielsweise Naturwissenschaften, technische Innovationen oder digitale Künste – grundsätzlich auf lustvolle, verspielte oder träumerische Weise zu beschäftigen, ohne jeglichen Druck, Zwängen oder Vorgaben ausgesetzt zu sein. Es muss nichts Funktionierendes oder Verwertbares entstehen und damit unterscheidet sich OTELO gravierend von herkömmlichen Ausbildungseinrichtungen oder konventioneller Lohnarbeit. (vgl. http://www.otelo.or.at/otelo/idee/)

Dies impliziert, dass auch die praktische Umsetzung zukunftsweisender Ideologien nicht einfach „Top down“ aufgesetzt werden kann, sondern aus den Beteiligten – sozusagen „Bottom Up“ – herauswachsen muss. In einem Gespräch meint Hollinetz, dass in Österreich, ja in Europa kaum jener fundamentale Zusammenbruch zu erwarten sei, der den Boden für ein neues Gesellschaftssystem – wie von Bergmann disponiert – bereitet. Das hindert jedoch niemand daran, sich in kleinen Experimentiergruppen – sogenannten Nodes – zusammenzuschließen um beispielsweise an 3D-Druckern zu basteln, mobile Hochbeete im öffentlichen Raum aufzustellen oder in der gemütlichen Atmosphäre eines Repair-Cafes an kaputtgegangenen Gebrauchsgegenständen herum zu tüfteln, um sie wieder flott zu kriegen. Freilich sind das – gemessen an der Gesamtvision der Neuen Arbeit gemessen kleine Brötchen, die da gebacken werden, aber die Beteiligten üben ihre Tätigkeiten mit der Freude jener aus, die einen tieferen Sinn in ihrem Tun sehen. – Und auch Frithjof Bergmann gefällt’s!

 Quellen:

Bergmann, F. (2010). Neue Arbeit neue Kultur. In H. Leopoldseder & C. Schöpf & G. Stocker (Hrsg.), Ars Electronica 2010. Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft. (S. 110, 111). Linz: Hatje Cantz Verlag.

Fillitz C. (2010). Neue Arbeit – neue Kultur. Frithjof Bergmann bei der Ars Electronica. Download am 8.6.2013 von http://oe1.orf.at/artikel/257351

Nahrada F. (2008). Kritische Auseinandersetzung mit Frithjof Bergmann. Download am 6.6.2013 von http://keimform.de/2008/kritische-auseinandersetzung-mit-frithjof-bergmann/

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3 Gedanken zu “Neue Arbeit Neue Kultur

  1. Ich habe den Beitrag sehr bereichernd gefunden, obwohl ich mir nicht ganz vorstellen kann, wie so ein gesellschaftliches System funktioniert, bzw. wie es sich durchsetzen kann. Auch der österreichische Ansatz von OTELO hat mir sehr gut gefallen, im speziellen die Repair – Cafes, wodurch der Ottonormalverbraucher ein Stück Autonomie wiedererlangen kann, dass durch die Massenproduktionen verloren gegangen ist.

  2. Dieser Blogeintrag, sowie die zugehörige Präsentation, waren sehr inspirierend für mich. In einer von Burnout und Krisen geplagten Zeit, ist die Notwendigkeit zum Umdenken und finden neuer Arbeitsmodelle wichtiger den je. Sinnentfremdetes Arbeiten, fernab jeglicher individueller Bedürfnisse und Begabungen, ist ebenso verantwortlich für die negative Grundstimmung am Arbeitsmarkt sowie die halbherzigen Versuche der Politik, eben diese Arbeitswelt vor dem Untergang zu retten. Der Mensch wird nicht mehr als Produzent gebraucht und fehlt somit auf lange Sicht ebenso als Konsument. Hier macht die Theorie der Neuen Arbeit Hoffnung und Mut, dass es eben doch Menschen gibt, die den Kopf nicht in den Sand stecken und dies als Chance wahrnehmen. Hier hat mich das Konzept von Otelo sehr beeindruckt. Dieser Verein eröffnet einen neuen Horizont an Möglichkeiten, selbstbestimmt und interessensgetreu, neue Wege zu beschreiten. Gerade für jüngere Generationen, ist die Wichtigkeit gegeben, alternative Wege kennenzulernen und fernab vom Konsumwahn, die eigene Verantwortung für Lebensstil und dem eigenen ökologischen Fußabdruck zu lernen. Dem Verein wünsche ich eine rosige Zukunft und freue mich bald auf eine Teilnahme in den zahlreichen Workshops.

  3. Bei OTELO sollte man aber nicht die große internationale Bewegung vergessen zu erwähnen, in deren Umfeld sie stehen: http://hackerspaces.org. In Wien seit 2006 mit dem http://Metalab.at vertreten.

    Die Piraten haben sich übrigens mitnichten selbst zerbröselt – sie befinden sich nur an einem fortgeschritteneren Punkt des Hype-Cycles, jetzt folgt die langsame nachhaltige Aufbauarbeit.

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