Shareconomy

shareconomy

Teilen von Wirtschaftsgütern – kein ganz neues Konzept

Shareconomy, „[…]das Teilen und gemeinsame Nutzen von Wissen, Ressourcen und Erfahrungen als neue Formen der Zusammenarbeit […].“ (cebit.de, 2013, 1)[1] ist ein relativ neuer und vielen noch unbekannter Begriff. Dabei sind das Prinzip sowie der Begriff oder seine Abwandlung „Schare Economy“ gar nicht so neu.

Prinzipiell spricht man vor allem im Kontext des Internets schon einige Zeit von Shareconomy und bezeichnet damit, „[…]dass Inhalte und Wissen nicht mehr ausschließlich durch den Rezipienten konsumiert werden, sondern Rezipienten zunehmend auch zu Distributoren werden.“ (M. RECKE, 2008)  Dass digitales Teilen ein  „Grundmuster des Internets“ (ebd.) ist, kann man spätestens seit der weltweiten Etablierung von sozaial-networks wie Facebook und Co. gut nachvollziehen. Auch das Teilen an sich ist nichts Neues. Nicht nur, dass vom Nachbarn schnell Lebensmittel geborgt werden kennen wir, auch Baumärkte, Veranstaltungsfirmen und viele andere haben schon lange Verleihstellen eigerichtet. Selbst Mietautos kannte schon mein Großvater.

Das Neue an shareconomy und somit vielleicht auch der Grund warum derzeit mehr darüber gesprochen wird, ist meines Erachtens nach, zum Einen die Möglichkeit über das Internet und besonders über mobile Internetdienste den Vorgang des Teilens effektiver zu gestalten und zum Anderen die zunehmenden Bedeutung von Software und Daten im weiteren Sinne als Wirtschaftsfaktor. Diese Faktoren bedingen sicher auch den in den letzten Jahren vielfältigen Wandel der gesellschaftlichen Konsumtrends hin zu temporärer Nutzung materieller wie auch immaterieller Güter. (vgl. J. Zentes et al., 2013, 13.) Was im Internet zum Teil auch in der Form des illegalen Filesharings funktioniert dient nun als Vorbild. Vereinfacht gesagt: Viele Konsumenten erkennen die Vorteile, die sich aus der Nutzung nicht nur von digitalen Inhalten, sondern auch von materiellen Gütern auf Basis der von pay-per-use, also der Bezahlung für die Nutzung ergeben. Oder wie Niels Boeing und Jens Lubbadeh in der Technologie Review sagen: „Nun schwappt die Sharing-Bewegung in die reale Welt und dezentralisiert ökonomische Macht.“ (N. BOEING und J. LUBBADEH, 2013, 28)

Grundsätzlich finde ich jeden Trend weg von einer Gesellschaft, die rein um des Konsumierens Willen produziert gut. Wenn sich mehrere Personen ein Gut teilen, so bedeutet das in der Regel, dass weniger von diesem Gut produziert werden muss, was eine Schonung unserer Ressourcen zur Folge hat. Auch wenn das unserem derzeitigen Wirtschaftskonzept wiederspricht, sehe ich doch das Ziel einer ökonomischen und ökologischen Lebensweise darin, den maximalen Nutzen für die größtmögliche Zahl von Menschen aus einem Produkt zu erhalten. Da ein Aufhalten des technischen Fortschritts wohl keine Lösung ist, müsste, um dieses Ziel zu erreichen, ein Produkt also möglichst viel genutzt werden, bevor es von einem weiter entwickelten abgelöst wird. Sieht man von der verkürzten Lebensdauer der Produkte durch Sollbruchstellen und Ähnlichem ab und rechnet mit einer Haltbarkeit, die dem technisch machbaren sowie dem ökologischen Ideal entspricht,  so kann kaum ein Gebrauchsgegenstand von einer Person in einem oben beschriebenen Maß genutzt werden. Shareconomy hätte hier das Potenzial, weniger Produkte für mehr Menschen zugänglich zu machen und somit eine bessere Nutzung unserer Ressourcen zu erzielen.

Wenn wir uns vom ökologischen Aspekt abwenden und in den digitalen Bereich wechseln, in dem der Wert eines Produktes nicht von seinen materiellen Ressourcen abhängig ist, so ergibt sich hier eine Möglichkeit, das Gedankengut, die wissenschaftliche Leistung und auch nicht zu vergessen unsere Meinungen, unsere Einstellungen, unsere Ethik- und Moralvorstellungen, kurz unsere sozialen Errungenschaften für eine möglichst große Masse zugänglich zu machen. Durch Teilen wie es das Internet heute ermöglicht, könnten die digitalen Ressourcen beinahe unbegrenzt jeder und jedem zur Verfügung gestellt werden, um ihre oder seine kreative Entfaltung in jede Richtung zu fördern. Dass nicht alles was ich hier beschreibe reine Utopie ist zeigt unter anderem eine Studie des Instituts für Handel & Internationales Marketing (H.I.MA.) der Universität des Saarlandes wenn sie schreibt:

Die aktuelle Phase des „Nutzens“ ist durch das Schlagwort Collaborative Consumption (gemeinschaftlicher Konsum) geprägt, das auf Rachel Botsman‘s Bestseller „What’s mine is yours“ zurückgeht. Das Time Magazine kürte den Trend im Jahre 2011 als eine von zehn weltverändernden Ideen. Dabei treten neben Gebrauchtgütertransaktionen (Redistribution Markets), die in den 2000er Jahren vorherrschend waren, zum einen Miettransaktionen (Product Service Systems) und zum anderen Konzepte zum Austausch von Freizeit, Kompetenzen oder Geld (Collaborative Lifestyle). Letztere sind Ausdruck eines neuen Gemeinschaftsgefühls, erfolgen aber im Grundsatz unentgeltlich. (J. Zentes et al., 2013, 16.)

Teilen ist also eine tolle Sache. Aber shareconomy besteht eben nicht nur aus share, sondern auch aus economy. Vorgänge wie ich sie oben recht enthusiastisch beschrieben habe, lassen sich in einem System, dass durch Erwerbsarbeit, Wirtschaftswachstum usw. geprägt ist nicht umsetzen. Zumindest nicht ohne das bestehende System zu beeinträchtigen oder sogar grundlegend zu verändern. Das genau ist der Grund weshalb es eben nicht bei share bleibt sondern zur shareceonomy kommt. Das ist der Grund warum meine Freunde nicht einfach meine Computerprogramme über das Internet nutzen können, wenn ich sie gerade nicht brauche, der Grund weshalb ich eine Fremdfahrerversicherung brauche, damit ein Schaden an meinem Auto auch gedeckt ist, wenn ich es verleihe und vieles mehr.

Weil eben dieses Prinzip des Teilens nach derzeitigen Standards nicht förderlich für die Wirtschaft ist, wird versucht Geschäftsmodelle zu entwickeln, die aus den neuen Trends der shareconomy Gewinn für die bisherigen Profiteure des Wirtschaftssystems erwirtschaften, wie schon ein Satz in oben angesprochener Studie zeigt, der meint, dass Unternehmer oben beschriebene Trends „schon heute analysieren und, wenn möglich und sinnvoll, aufgreifen sollten.“ (J. Zentes et al., 2013, 17.) Selbstverständlich haben einige Unternehmen diese Trends längst aufgegriffen. Es wird bereits Software in der Cloud angeboten, die Kopierer in vielen Büros gehören schon lange nicht mehr dem Unternehmen, sondern werden vom Hersteller aufgestellt und per Kopie bezahlt, und große Logistikfirmen leasen die Reifen für ihre LKWs. Welche Risiken das kommerzielle `Teilen´ haben kann wird in einem Artikel des Handelsblatts sehr treffend beschrieben:

Wird dieses Modell „flächendeckend“ über Konsumenten ausgerollt – und von diesen aufgegriffen – kommt es mittel- bis langfristig zu Schieflagen. Zwar führen solche Modelle kurzfristig zu einem (Wirtschafts-) Wachstum, da mehr Menschen mehr konsumieren können und dabei auch noch durchschnittlich höhere Preise (pro Vergleichseinheit) bezahlen. Jedoch führt der kollaborative Konsum für viele Wirtschaftssubjekte zur Abhängigkeit und zur sozialen Diskriminierung. […]Langfristig kann eine solche Entwicklung in zentralisierte Besitzgesellschaften führen. (A. OPPERMANN, 2012, 4.)

Es zeigt sich also, dass was im kleinen Kreis gut funktionieren kann, wenn es in große wirtschaftliche Dimensionen gegossen wird schnell Probleme aufwirft. Wenn man konsequent weiterdenkt, heißt shareconomy, dass wenige Reiche die Mehrheit unserer Wirtschaftsgüter besitzen und diese an eine breite Masse „Besitzloser“ gegen Entgelt verleihen. Was im Wirtschaftsblatt als „zentralisierte Besitzgesellschaft“(ebd.) beschrieben wird ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Lehenssystem, wie es in Europa im Mittelalter verbreitet war. Um die Kosten für die Entlehnung der benötigten Produkte tragen zu können, ist der Großteil der Menschen dann ausschließlich auf die Erwerbsarbeit angewiesen. Erwerbsarbeit freilich, die bei eben denen entrichtet wird, die unsere Güter herstellen und besitzen und die über die Preiskontrolle auch die Entwicklung unabhängiger Unternehmen in der Hand haben.

Dass shareconomy aber abseits großer Geschäftsmodelle durchaus funktionieren kann zeigt unter anderem Philipp Gloeckler. Philipp Gloeckler versucht sehr erfolgreich über seine App „Why own it“ shareconomy auf der Verbraucher-zu-Verbraucher Ebene zu etablieren. Mit Hilfe seiner App „bieten [die Nutzer] DVDs, Raclette-Grills, Boote, Reiseführer oder Fahrradpumpen an – all das, was sie für einige Zeit entbehren können, weil es sonst nur ungenutzt herumliegt.“ (N. BOEING und J. LUBBADEH, 2013, 27)

Abschließend kann ich mich auf jeden Fall als Fan der shareconomy Idee outen, wenngleich ich denke, dass im Einzelnen immer kritisch hinterfragt werden sollte, wer wie vom Tauschgeschäft profitiert und in welche Abhängigkeiten wir uns dadurch bringen.

Auf Grund des großen Umfangs dieses Themas, behandelt dieser Text nur einige Teilbereiche des shareconomy Konzeptes, die ich aus meinem Blickwinkel zu zeigen versuche. Ich empfehle als umfangreichere Lektüre die Artikel in meiner Literaturliste, insbesondere den Artikel in der Technologie Review.


Literaturliste: [1]Unbekannt (2013) Leitthema der CeBIT 2013. Shareconomy erfasst alle Bereiche des digitalen Alltags. Download am 3.6.2013 von http://www.cebit.de/de/ueber-die-messe/rueckblick-cebit-2013/neuheiten-trends/leitthema-shareconomy?source=redirekt1891834
[2] Martin Recke (2008) Share Economy. Download am 3.6.2013 von http://www.fischmarkt.de/2008/11/share_economy.html
[3] Univ.-Professor Dr. Joachim Zentes (Hrsg.). (2013)  Neue Mietkonzepte: Nutzen statt Haben ‒ Potenziale und Herausforderungen für Unternehmen. Frankfurt a. Main: H.I.MA.
[4] Axel Oppermann. (2012) „Shareconomy“ Ein nicht ganz ungefährlicher Trend. Wirtschaftsblatt. Download am 3.6.2013 von http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/shareconomy-die-folgen-sind-dramatisch/7533064-4.html
[5] NIELS BOEING und JENS LUBBADEH. (2013) BESITZT DU NOCH, ODER TEILST DU SCHON? Technologie Review. 5(13), 27-32.
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Weiterführende Links:

Why own it – Eine interessante peer-to-peer-sharing app

Kurzfassung des Artikels in der Technologie Review

Ein Interview zum Thema „Kommerzialsierung“ der Shareconomy – ebenfalls in der Technologie Review

eine Übersichtsgrafik der bekanntesten shareconomy Anbieter in Deutschland

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Ein Gedanke zu “Shareconomy

  1. Dem Argument, dass das Ziel einer ökonomischen und ökologischen Lebensweise darin besteht, den maximalen Nutzen für die größtmögliche Zahl von Menschen aus einem Produkt zu erhalten, kann ich nur zustimmen. Es ist ein wunderbarer Gedanke, der hier gut durchdacht wurde. Die wirtschaftliche Lage ist uns allen bewusst und daher müssen wir alle umdenken und lernen unseren Besitz mit anderen zu teilen. Wir müssen uns endlich von dem egoistischen Verhalten verabschieden, dass wir Produkte als Prestigeobjekte nutzen sehen.

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